Mein Geburtsbericht. 20012018.

Unser Räuber wird in diesem Monat 1 Jahr alt. Ein guter Grund also, endlich mal den Geburtsbericht zu veröffentlichen. Oft ist es Zeitmangel, weshalb Beiträge nicht kommen. Doch dieser hier war schwer für mich. Die Worte wollten nicht aus meinem Kopf aufs Papier. Monatelang. Doch ich brauche das jetzt. Ich möchte unsere Geschichte nun teilen. Und sie hat alles, was eine gute Geschichte so braucht. Viel Schönes, einiges Schreckliches, aber auf jeden Fall ein Happy End.

Oft wird im Internet (auf Instagram, in Foren,…) vermittelt: da die Geburt das Natürlichste der Welt ist, musst du als Frau nur genug über Hypnobirthing lesen, dich fallen lassen, es dir zutrauen, wissen was du willst – und simsalabim sind das die Zutaten für eine schöne und selbstbestimmte Geburt. Da wird fast schon Mamashaming betrieben, und vermittelt: du hattest keine schöne Geburt? Dann musst du Schuld dran haben. Und auch wenn ich in der Theorie wusste, dass das Quatsch sein muss – denn mal ehrlich, man kann medizinische Notfallsituationen nicht mit Räucherstäbchen wegzaubern – so hab ich mir im Prinzip sogar bis zur letzten Dreiviertelstunde der Geburt, immer wieder in meinen Kopf gerufen: dein Körper ist dafür gemacht.

Das hat mir durch die Wehen geholfen. Das hat mir geholfen gerade zu stehen, als die Kinderkrankenschwester, die uns in Empfang nahm ins Telefon ein “Ja genau, Erstgebährende.“ raunzte, nur weil ich pünktlich am ET um 23 Uhr erschien. Das gab mir ein sicheres Gefühl von “Siehste…“ als das CTG Wehen aufzeichnete und festgestellt wurde, dass der Muttermund bereits einen CM offen war. Ich hatte so ein sicheres Gefühl von “ich kann hier alles schaffen“, als wir wieder heimfuhren, anstatt uns in ein Zimmer verlegen zu lassen. Als ich daheim in unseren Bett bei “Die Nanny“ Wehen über Wehen veratmete, von der Serie eigentlich nichts mitbekam, und schließlich gegen 3 Uhr morgens zu André sagte, dass wir jetzt wieder ins Krankenhaus konnten. Den Blick der Hebamme, als wir wieder auftauchten, obwohl sie prophezeit hatte, dass es reicht wenn wir morgens um 8 zur Kontrolle kämen, hab ich weggesteckt, weil ich auf meinen Körper mehr vertraut habe, als auf ihre Glaskugel. Und wie Recht ich hatte. Muttermund 5cm offen, wir durften im Kreissaal bleiben.

Ich veratmete Wehen über Wehen, André massierte mir den unteren Rücken wund und auch die Hebamme stellte irgendwann fest, dass wir ein tolles Team sind und ich ja eine gute Einstellung zur Geburt habe. Doch keine doofe Erstgebährende ja? Das Eis war gebrochen. Zeit verging, und der Muttermund war bei 10 cm. Ich war mir sicher: wenn jetzt Presswehen kommen, dann ist mein Baby bald da. Denn schließlich habe ich keine Angst. Ich arbeite mit den Wehen. Freue mich auf sie, weil sie mich näher zu meinem Baby bringen. Habe aus Prinzip keine PDA genommen. Doch eine positive Grundeinstellung alleine reicht eben nicht unbedingt aus. Für mich war das wie ein Schlag ins Gesicht rückblickend, weil genau das doch immer vermittelt wird: hab keine Angst und es wird toll werden. Und bis zu den Presswehen war unsere Geburt wundervoll. Ein Traum. Eine “ja, mach ich gerne ein zweites Mal“ – Erfahrung.

Und die ersten Presswehen waren auch super. Doch dann sollte ich nicht mehr mitpressen, kurz pausieren. Es ging unserem Zwerg wohl zu schnell. Es waren ja auch wirklich nicht viele Stunden vergangen seitdem die Wehen überhaupt losgingen. Während du gerade dein Kind gebären willst, sagt dir natürlich niemand, dass die Herztöne drastisch runtergehen. Ich habe erst gecheckt, dass was sein muss, als die Hebamme übers Telefon den Arzt abzuholte. Wenn ich eines nämlich im Vorfeld gelernt hatte, dann, dass bei einer Geburt, wo alles gut verläuft kein Arzt dabei sein muss. Auch im Krankenhaus nicht. Da kam er nun aber, wirklich auch sehr freundlich. Und ich dachte immer, wenn die Menschen, die dir dann helfen nur nett sind, ist alles halb so schlimm.

{Ich setze hier jetzt eine Triggerwarnung, les nur weiter, wenn du dich psychisch in der richtigen Fassung siehst.}

 

 

 

Doch ohne Ankündigung in den Damm geschnitten zu werden, ist mit Abstand das schmerzvollste, fremdbestimmteste und gruseligste, was ich jemals erlebt habe. Dann waren die Wehen weg. Hallo Wehentropf. Hallo künstliche Wehen. Hallo (fast) alles was ich niemals wollte. Ich habe in dem Moment aber nicht gedacht “Hey, ich will ein Mitspracherecht.“ Das dir ist in dem Moment egal, denn du willst, dass das Baby gesund geboren wird. Und dir bleibt nichts anderes übrig, als dem Fachpersonal zu vertrauen, dass sie richtig entscheiden. Doch diese Maßnahmen allein halfen wohl nicht. Der Zwerg steckte fest. Also wurde etwas gemacht, dass sich im Fachjargon “Kristeller Griff“ nennt, eigentlich heutzutage angeblich eher unüblich ist, und mir bereits vom Hören bekannt war. War als Fachbegriff erstmal knackig klingt, ist letztlich folgendes: der Arzt drückt von oben dein Baby mit, damit es während einer Wehe in die richtige Richtung geht. Und mit drücken meine ich: er legt sich mit seinem gesamten Körpergewicht auf deinen Oberkörper. Ihr kennt meine Figur. Ich dachte, ich breche einfach in zwei Teile. Ich habe keine Luft mehr bekommen. Konnte nicht mitpressen, weil ich mit schreien beschäftigt war. War empört, konnte nichts sagen. Konnte dem Arzt nicht mal wirklich böse sein, weil er die ganze Zeit so scheiße freundlich dabei war, während er mir die größten Schmerzen überhaupt bereitete. Ich merkte, dass im Raum stand: wir tun hier jetzt alles menschenmögliche oder es muss ein Kaiserschnitt gemacht werden. Es wurde nicht ausgesprochen, aber ich spürte es, dass es nicht mehr viel Zeit gab.

Und so nahm ich all meine Kraft zusammen und: 06:28 Uhr. Klein-E. wurde geboren. Mit der Nabelschnur doppelt um den Hals gewickelt. Doch er schrie. Es ging ihm gut. Er war da. Und ich kann bestätigen, in dem Moment, wo du dein Baby siehst, wo man es auf dich legt, ist alles egal, was vorher war. Die Schmerzen sind egal. Es ist auch egal, dass dann noch eine Stunde genäht wird. Alles ist egal. Wichtig ist dieser kleine Mensch, der euer Leben von seinem ersten Schrei an einfach verändert. Er war so wach, so präsent. Und so unfassbar süß. Mein Herz platzte. {Weitere Gedanken hierzu kommen an Klein-E.s Geburtstag.}

Der Körper scheint einen Schutzmechanismus zu haben. Erlebtes kommt dann erstmal in eine Schublade. Damit man genießen kann. Doch diese Schublade bleibt nicht verschlossen. Es kommen Momente (bereits im Wochenbett, aber auch ein Jahr später noch), da hast du Bilder im Kopf. Weißt wieder wie es sich anfühlte. Körperlich und auch seelisch. Du musst es verarbeiten. Damit es nicht mehr wehtut. Damit du nicht vorspulen musst bis zu den Unfassbaren Glück, sondern damit du auch jeden einzelnen Schritt auf dem Weg dahin akzeptieren kannst. Ich für meinen Teil, bin noch im Prozess.

Ich finde es deshalb so schwierig, dass es Artikel im Internet darüber gibt, wie man eine wunderschöne Geburt haben wird. Niemand kann einem das garantieren. Ich habe im Wochenbett viel gelesen von Frauen, die Ähnliches erlebt haben.
Schlimm ist, wie darauf reagiert wird. Frauen, die tolle Geburten hatten, machen Vorwürfe. Man sei ja selbst Schuld, dass man im Krankenhaus entbunden hat, weiß ja jeder, wie schnell dort interveniert wird. Dass unser Baby vielleicht nicht leben würde, hätten wir im Geburtshaus entbunden, dass will dann wieder niemand wissen.
Und dann kommt manchmal dieser eine Satz: “Aber Hauptsache es geht jetzt allen gut.“ Das ist schon richtig, aber eben auch nicht alles. Mir ging es körperlich lange nicht gut. Ich konnte nicht sitzen und mir taten die Rippen weh. Ich habe mich mehr als einmal gefragt, ob ich was falsch gemacht habe, dass das Ende der Geburt so gelaufen ist. Ob ich hätte entspannter sein müssen. Bullshit. Jede Mama gibt alles was sie kann, um ihr Kind zu gebären. Aber es gibt Umstände, die kann man nicht beeinflussen. Nicht mit Himbeerblütentee, nicht mit einer positiven Grundhaltung, nicht mit Prinzipien.

Eine Geburt verändert dich. Nicht nur, weil du dann ein Baby hast. Nein, sie verändert alles. Deine Gefühle, deine Gedanken, deine Haltung zum Leben.

 

Nun ging es in diesem Bericht um mich, um meine Gefühle. Doch ich möchte unbedingt nochmal ein großes Shoutout geben an alle Papas da draußen und ganz speziell an meinen Mann.

Danke!!!

Dafür, dass du in keiner Sekunde von meiner Seite gewichen bist.

Dafür, dass du stundenlang massiert hast.

Dafür, dass du es ausgehalten hast, wie ich gelitten habe.

Man sagt so oft, Männer stehen ja bloß daneben, die Frau hat die Schmerzen. Aber ganz ehrlich, es muss furchtbar sein, wenn der eigenen Frau wehgetan wird, und du zugucken musst, du ihr kaum helfen kannst, du ihre Schreie ertragen musst.

Unsere Liebe ist nur noch stärker geworden. Die Freudentränen, als Klein-E da war, haben all die Ängste weggeschwommen. Ich hätte diese Situation mit niemanden außer dir besser überstanden. Und deswegen denke ich trotz allem was zum Schluss passiert ist gerne an die Geburt zurück. Wir haben auch vor allem zu Beginn viel gelacht. Ich hab den Räuber nicht alleine geboren, das haben wir zusammen geschafft.

Ich liebe dich.

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